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"Fokus", Zagreb, 01.09.2000.
Unser Journalist hat Milan Levar unmittelbar vor seiner Ermordung angerufen. Dieses bewegende Portrait stammt aus
der Hand eines Freundes und guten Kenners der finsteren Spiele im kroatischen Vorhof von Den Haag.
Zeugnis über den ermordeten Freund
DAS LETZTE GESPRÄCH MIT MICO
von Zeljko Peratovic
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Die Titelseite des Artikels
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Als mich am Montag, dem 28. Februar, gegen 17 Uhr mein Kollege und Freund Robert Frank
anrief und mich fragte, ob ich eine anonyme Nachricht bestätigen könne, die seine Redaktion erreicht habe, nämlich dass Milan Levar Selbstmord begangen habe, gab ich
ihm zur Antwort, er solle meine Zeit nicht mit Dummheiten verschwenden. Mit Mico hatte ich gegen Mittag noch telefoniert, und er hatte sich eiserner angehört denn je. Er hatte
den Zeitungsauftritt von Mile Kosovic kritisiert, dem Kommandeur der Domobranen-Brigade aus Gospić, der neben General Rahim Ademi bei der Aktion in der
Medak-Tasche (Eroberung eines strategisch wichtigen Landstrichs nahe Gospic durch die Kroaten im September 1993, bei der einige Dutzend serbische Zivilisten getötet wurden,
Anm. d. Ü.) der Lockvogel war. Levar hatte sich gefreut, dass Kosovic "geredet hat, obwohl
er nur ein Hundertstel der Wahrheit gesagt hat". Er hatte kommentiert: "Jetzt brechen die Verhältnisse zwischen denen auf, die für diese kroatische Schande verantwortlich sind.
Kosovic hat nicht direkt über die Kriegsverbrechen gesprochen, die bei dieser Aktion begangen wurden, aber er hat auch nicht ohne Grund geredet. Er fürchtet sich, nennt General Norac
und (Ex-Verteidigungsminister, Anm. d. Ü.) Susaks doppelte Befehlsstruktur bei der kroatischen Armee. Wenigstens ist es jetzt nicht mehr nur Levar, der darüber redet."
Mico (eine vertraute Form des Namens Milan, gemeint ist Milan Levar, Anm. d. Ü.) hat mich bei dieser
Gelegenheit auf die schwierige Situation der Schwester von Zdenko Ropac aufmerksam gemacht, einem der
Haager Zeugen im Fall Gospic, die, angeblich wegen fortdauernder Drohungen "wegen des Verrats des Bruders",
vorläufige Unterkunft in einer psychiatrischen Klinik gesucht habe. "Du musst nicht darüber schreiben, aber es ist
gut, dass du es weißt", hat er mir gesagt. Beschwert hat er sich bei mir noch über einen früheren Politiker aus
der Region Lika, der "sich ständig irgend etwas ausrechnet. Über die Verbrechen in Gospic will er nur sprechen,
wenn er direkt bedroht ist, aber, weißt du, er ist auch selbst verantwortlich für die Geschehnisse der entsprechenden Wochen in der Lika".
Er hat angekündigt, sich bald mit mir treffen zu wollen, und mich zu Leuten geschickt, bei denen ich Dokumente
über die Geschehnisse bei der Aktion in der Medak-Tasche finden würde. Er hat mir noch gesagt, er wolle mich am frühen Abend anrufen, weil er gerade Arbeit in der Werkstatt habe.
Da Milan Levar ein Mann voller schwarzen Humors war, habe ich mich am Ende trotzdem entschlossen ihn
anzurufen und zu fragen, ob er sich wirklich umgebracht hat.
Am Telefon in seiner Wohnung und auch auf seinem Handy hat sich niemand gemeldet. Das hat mich etwas
beunruhigt, aber ich habe mir gedacht, er könnte sich kurzfristig zu einer Reise mit der ganzen Familie entschlossen haben, mit seiner Frau Vesna und seinem Sohn Leon
, was nicht selten vorkam. Vielleicht waren sie ja nach Karlobag zum Baden gefahren.
Ich rief einen gemeinsamen Bekannten an, einen früheren hohen Angehörigen des kroatischen Generalstabs
und fragte ihn im Scherz, ob er von dem Gerücht gehört habe, Levar habe sich umgebracht. Die Antwort traf
mich wie ein Donnerschlag: "Er hat sich nicht umgebracht, aber er ist tot. Gerade hat sich seine Frau Vesna bei
mir gemeldet. Er ist bei einer Explosion in seiner Werkstatt ums Leben gekommen."
Entsetzt habe ich die Nachricht an Frank in Rijeka übermittelt. Alles wir mir klar, und ich habe überhaupt nicht
daran gezweifelt, dass er einem Attentat zum Opfer gefallen ist, obwohl auch ich bald Informationen bekam, wonach er unvorsichtig mit einer Gasflasche umgegangen sein soll.
Dann rief mich voller Panik ein Freund Levars aus dem Krieg an, Angehöriger eines kroatischen Geheimdienstes:
"Sie haben ihn umgebracht! Ich habe ihm vor einigen Tagen gesagt, seine Liquidierung werde ernsthaft
vorbereitet, und er solle aufhören, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er ist zu weit gegangen. Er hat gedacht, er sei unzerstörbar. Er hat nicht auf mich gehört!"
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Weihnachten ’91 - Levar mit Sohn Leon
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Wie eine kaputte Platte wiederholte der Agent, wie er Mico im Guten gesagt habe, dass
er aufhören solle mit seinem blinden Treiben. Mit Mühe habe ich das Gespräch beendet.
Levar hat in dem Bewusstsein gelebt, dass ein Mord ihn eines Tages stoppen würde.
Aber wie und warum hätte das geschehen können - nach dem 3. Januar (der Tag des Machtwechsels in Kroatien im Jahr 2000, Anm. d. Ü.), dem Tag, über den er sich gefreut
hatte wie ein kleines Kind und von dem er sagte, dass in Kroatien nun der Rechtsstaat an die Tür geklopft hätte? "Unsere Kriegsverbrecher werden wir jetzt im eigenen,
demokratischen und gerechten Land aburteilen können", hatte er mir freudestrahlend erzählt, nachdem er, als persönlicher Freund von Mesic, bei dessen Amtseinführung als
Präsident geladener Gast gewesen war.
Milan Levar hat von 1992 bis heute kroatischen und ausländischen Medien an die hundert Interviews gegeben
und hat 1997 auch vor dem Gericht in Den Haag über die Wochen in Gospic 1991 ausgesagt. Mehrere
Attentatsversuche gegen ihn hat es gegeben, auf sein Geburtshaus wurde geschossen, wo seine Mutter Katica
lebt, und auf den Hof, wo er jetzt sein Leben verloren hat. Sogar mit Gift hat man ihn umbringen wollen; seither
trank er den Kaffee nicht mehr mit Zucker. Er trug immer Süßstoff in der Hosentasche.
Vor dem Krieg hat er an praktisch jeder Rauferei in Gospic teilgenommen. Aus der Fliegerakademie in Mostar
flog er nach fünfzehn Jahren hinaus, weil er einen Hauptmann angegriffen hatte, der seinen kroatischen Nationalstolz beleidigt hatte.
Aus dem Krieg erinnert man sich an ihn als energischen Kämpfer. Er kämpfte in vorderster Linie zur Verteidigung
von Gospic, gemeinsam mit dreißig Leuten, die noch im Sommer 1991, als Eingreifzug des Pajo Simic, die ersten Stellungen gegen Licki Osik hielten.
Mit dem Tode hatte er viele Begegnungen, und sein schwarzer Humor war für Menschen mit empfindlichem
Gemüt wohl schwer auszuhalten. Lächelnd erzählt er mir von Totengräbern, die auf dem Rücken die halb
auseinandergefallene Leichen der Opfer von Kriegsverbrechen, und "Würmer von der Größe dieser Crocky-Crocket-Kugeln krabbelten den Totengräbern den Rücken runter".
Er hat mir gesagt, er habe den Militärdienst quittiert, als er den beglaubigten Befehl bekomme habe, Zivilisten
zu töten. "Ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Omas umzubringen, wie die, die sich ihr Kroatentum mit Blut und Geld erkauft haben." Diesen Satz hat er zu einer Redensart gemacht.
Alkohol hat er schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr getrunken, seit dem Tod des Vaters. Nur Kaffee und
Mineralwasser. Man konnte stundenlang mit ihm reden, und er nahm nichts als diese Getränke zu sich. Die ihn
nicht geliebt haben, sahen auch darin ein Zeichen, dass Mico nicht normal sei. Ein ehemaliger HDZ-Politiker hat
mir im Winter beim zehnten Bier gesagt, Milan Levar sei kein richtiger Mann, weil "richtige Männer kein
Mineralwasser trinken und weil "wer das stundenlang aushält, außer physischem auch psychischen Schaden davongetragen hat".
Als ich am Tag vor seinem Tode auf der Terrasse des Hotel Dubrovnik in Zagreb mit zwei Männern aus der Lika
über den Fall Medak-Tasche sprach, einem Geheimagenten und einem früheren hohen HDZ-Politiker, wollten
mich beide davon überzeugen, dass Levar psychisch krank sei. "Warum hört er nicht einmal auf zu reden? Die
Welt beruht auf Absprachen. Warum nimmt er nicht an, was man ihm bietet? Er könnte schon lange gut leben,
wenn er gescheit wäre. Denkt er, er ist Jesus? Mit Worten allein lässt sich nichts beweisen. Es braucht Papiere! Es
liegen viele Gebeine in der Lika, noch aus türkischer Zeit. Auf manchen Massengräbern wachsen schon Wälder!"
Schon vorher habe ich gespürt, dass ihm frühere Ratgeber den Rücken kehrten. Alles was seine hartnäckigen
Feinde über ihn sagten, habe ich hingenommen, wie wenn mir jemand Guten Tag wünscht. Nicht besonders
überrascht über die Worte der beiden aus der Lika, habe ich Levar Teile davon weiter erzählt. Er war nicht besonders beunruhigt.
Er hat sie zum Teufel gewünscht und behauptet, dass "die sich alle von ihrer bösen UDBA-Vergangenheit
loskaufen" wollten und "nicht viel besser" seien "als die, die Verbrechen an Zivilisten verübt und befohlen
haben. "Über Verbrechen reden sie nur zum eigenen Nutzen oder um mit jemandem abzurechnen. Armes Kroatien, wenn solche Leute wieder an die Macht kommen!"
Mehrmals hat er, wenn er sich wieder über einen früheren Ratgeber aufgeregt hat, wer alles von dem früheren
staatlichen oder militärischen Führungsspitze Kroatiens vor den Haager Ermittlern ausgesagt hat – "insgeheim,
um die eigene Haut zu retten". Und er fügte hinzu: Ich mache alles öffentlich und feilsche nicht mit dem
Unglück wie so mancher falsche Menschenrechtsschützer." Oft haben ihm auch Freunde den Rücken gekehrt, weil sie seine Kompromisslosigkeit und seine Sturheit nicht mehr aushielten.
Geärgert haben sich über ihn auch das Haager Gericht und die Persönlichkeiten der kroatischen Öffentlichkeit,
die mit der Haager Anklagebehörde gute Beziehungen unterhielten. Nachdem er gemeinsam mit zwei Gospicer
Abwehrkämpfern, Zdenko Ropac und Zdenko Bando, 1997 in Den Haag ausgesagt hatte und als sie sich bei
dieser Gelegenheit nicht über den Status geschützter Zeugen einigen konnten, haben sie eine Pressekonferenz abgehalten und den Gerichtshof wegen Ineffizienz angegriffen.
Ropac, Bando und Levars Trauzeuge, der Gospicer Polizeiinspektor Tomislav Oreskovic, sind trotzdem mit
einigen vorgeblichen Garantien des Haager Gerichtshofs nach Deutschland gefahren, und Levar selbst redete in
Gospic weiter. So habe auch ich ihn Anfang vorigen Jahres kennen gelernt, als er mich anrief, mir neue Zeugen
und Geschichten über die Kriegsverbrechen in der Lika anbot, weil er den Eindruck hatte, die Sache mit Den Haag und Gospic sei auf einem toten Gleis gelandet.
Auf der Grundlage einiger Texte, die ich im vorigen Jahr veröffentlicht habe, hat der frühere Staatsanwalt
Berislav Zivkovic die Ermittlungen eingeleitet. Als er im Frühjahr sein Amt abgab, hat sich Zivkovic dessen sogar
gerühmt, denn zu seiner Amtszeit habe "die Staatsanwaltschaft auf Presseveröffentlichungen reagiert".
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Milan Levar in Den Haag
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Allerdings hatte bis dahin niemand von der Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit
den Ermittlungen, und auch nicht später, als im April die Haager Ermittler mit Ausgrabungen rund um Gospic begonnen hatten, Milan Levar zu einem Gespräch
geladen, damit er sein Wissen hätte ausbreiten können.
Seine Gegner haben sich vor ihm gefürchtet. Sie fürchteten sich vor seiner physischen
Kraft, seiner Gewandtheit und seiner Entschlossenheit. Er trug zur Selbstverteidigung keine Pistole, nur ein Klappmesser. "Sie haben nur das Recht einmal auf mich zu
schießen. Wenn sie mich verfehlen, wissen sie, was ihnen blüht", hat er mir bei Gelegenheit einmal ganz ruhig gesagt. Er kannte seine sehr heftige, auffahrende Art
und wusste genau, dass er "zufällige Geplänkel auf der Straße oder in der Kneipe" vermeiden musste, schon damit er nicht in die Situation käme, dass er jemanden
umbrächte oder umgebracht würde – vielleicht in einer Abrechnung, die sich als Wirtshausrauferei tarnt.
Vergangenen Sommer rief er mich an, brüllte, eine Frau habe ihn auf der Straße geohrfeigt. Er beruhigte sich
und fuhr fort: "Ich komme gerade zum Haus meiner Mutter, als aus einem Auto mit Zagreber Kennzeichen eine
kleine Frau steigt und mich fragt, ob ich Milan Levar bin. Ich frage, was sie will. Und sie nimmt Anlauf wie eine Furie und gibt mir eine Ohrfeige. Gibt an, sie sei die Frau von
Tihomir Oreskovic und ich hätte mit meinen Gegeifer ihre Familie zerstört. Ich habe nicht glauben können, dass Oreskovic so feige ist, mir die Frau auf den
Hals zu hetzen. Ich habe dich angerufen, weil ich ihn sonst in den Kneipen gesucht und vielleicht eine Dummheit
an ihm begangen hätte, wegen der dann alles, was ich gesagt habe, ins Wasser gefallen wäre».
Viele halten Milan Levar für einen Verräter und freuen sich über seinen Tod. "Wenn ich ein Verräter bin und die
früheren Gospicer Jugoslawen, Kommunisten und die Serben, die Vor-und Nachnamen gewechselt haben,
größere Kroaten sind als ich, dann soll das so sein. Aber ich werde nie aufhören, diesen Schandfleck von
meinem kroatischen Volk abzuwischen und beschuldige ganz konkrete Personen aus Kroatien, aber auch
Angehörige fremder Geheimdienste, die verantwortlich sind für den Tod von Hunderten meiner serbischer, aber
auch kroatischen Mitbürger. Wenn ich ein Verräter bin, weil ich eben nicht will, dass mein ganzes Volk sich wieder
fünfzig Jahre als 'genozidal' bezeichnen lassen muss, dann bitte! In der Absicht, die volle Wahrheit über das,
was hier geschehen ist, bekannt zu machen, wird mich weder Den Haag noch Washington noch Moskau
aufhalten, geschweige denn ein paar hiesige Feiglinge und Kretins mit einer Intelligenz auf der Höhe der Zimmertemperatur!"
Einige hielten Levar für einen verkleideten fremden Agenten und sahen darin das Motiv für alles, was er tat. Auf
solche Anschuldigungen hat er keine Rücksicht genommen. Er hat nur gesagt: "Dann bin ich wohl ein
Geheimagent, der Geheimnisse hasst. Ich würde alle Geheimnisse gesetzlich verbieten."
Wäre am Montag in Gospic jemand anders ermordet worden, hätte Milan Levar sich bemüht, dass die
Öffentlichkeit erfährt, wie er umgekommen ist, wer ihm umgebracht hat und wer den Mord befohlen hat.
Mico, ich warte immer noch auf deinen Anruf.
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